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Filmplakat von Vortex

Vortex

90 min | Drama | FSK 12
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Was ist Würde, was Autonomie in einem Alltag voller Medikamente? Ein raffinierter Split Screen zeigt in Vortex zwei Leben, die nicht mehr ganz synchron laufen. Sie war Psychoanalytikerin, jetzt spielt ihr Gehirn nicht mehr mit. Er schreibt über Filme und Träume, doch sein Leben wird von den mondänsten Dingen beherrscht.

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Filmkritik

Es beginnt beinahe betulich, im Abendlicht eines warmen Tages. Wir sehen eine mit vielen Blumen prachtvoll bepflanzte kleine Dachterrasse, die zu einer geräumigen Pariser Altbauwohnung gehört. Der größte Teil von „Vortex“ spielt hier. Aus einer Nachbarwohnung ist Schlagermusik zu hören. Zwei alte Menschen machen sich einen schönen gemeinsamen Moment; es gibt etwas zu essen, eine Flasche Crémant wird entkorkt, man prostet einander zu: „Auf uns!“ – „Das Leben ist ein Traum, nicht wahr!“, sagt sie. Und er antwortet: „Ja. Ein Traum in einem Traum“, was unter anderem auch eine Gedichtzeile von Edgar Allan Poe ist.

Dann dreht sich die Kamera auf eine seltsame Weise etwas ruckartig von den beiden weg, schwenkt nach links, kommt auf der alten steinernen Brandmauer des Nachbarhauses zum Stehen und kippt kurz nach unten weg. Ein Fall, ein Sturz, ein Taumel. Während dieser Bewegung wird die Musik immer leiser; die tonalen Atmosphären wechseln in eine diffuse Bedrohung, die einen nahenden Horror ausstrahlt.

„Vortex“ bedeutet in vielen Sprachen so etwas wie „Abgrund“, „Strudel“, „starker Wirbel“, „Wirbelbewegung“. Gemeint ist damit auf jeden Fall das, was allen bevorsteht und diese beiden jetzt verschlingt: der Tod, der ein Abgrund ist, in den die beiden früher oder später gerissen werden, der sie zuvor aber auch schon im Leben auseinandertreibt und dann doch wieder zusammenpresst.

Ein schwarzer Streifen frisst sich durchs Bild

Das nächste Bild zeigt dieses alte Ehepaar, deren Namen man nie erfährt, auf dem Ehebett; die Kamera blickt sie von oben an und lässt sie wie aufgebahrt wirken. Dann frisst sich von oben ein schwarzer Streifen langsam durchs Bild, wie ein Monster, und teilt es in zwei Teile.

Von nun an und für den Rest des Films gibt es eigentlich zwei Filme: Zwei Bildquadrate nebeneinander, links und rechts. So verfolgt man das gemeinsame Leben der beiden alten Menschen. Das ist filmisch für sich schon äußerst interessant: Manchmal sieht man den gleichen Raum aus zwei Perspektiven. Diese inszenatorische Entscheidung bedeutet auch, mehrere Stimmen, mehrere Erzählschichten zuzulassen, und eine ästhetische Diversität anderer, ungewöhnlicher Art zu praktizieren. Es heißt aber auch: Der Mann und die Frau sind beide allein. Als Subjekte, als Menschen, die ihr eigenes Leben haben und ihre eigenen Wahrnehmungen, das, was man heute gerne Filterblasen nennt.

Aber auch in einem weitaus existentielleren Sinne: Die Linie, die sich durch das Bild zieht, symbolisiert in ihrer Langsamkeit wie in ihrer Unerbittlichkeit den nahenden Tod. Und die Einsicht, dass jeder seinen je eigenen Tod stirbt. Dass dies eine Erfahrung ist, bei der letztendlich keine Nähe, keine Zärtlichkeit und keine Innigkeit eines gelebten Lebens aus der Vereinzelung helfen kann.

Die Vereinzelung setzt sich durch

Während das parallel verlaufende Leben der beiden Figuren zu Beginn noch betont wird, setzt die Vereinzelung sich peu à peu durch; beide driften zunehmend auseinander, haben immer weniger Überschneidungen – etwa, weil der Mann noch ausgeht, andere Leute trifft –, um regelmäßig doch auch wieder zusammenzukommen, nicht nur im Raum und in Gesprächen, auch im Bild, wo Gesten und Körperteile den Split des Bildes überschreiten.

Die gespaltene Wirklichkeit, in der jeder für sich in seiner Filterblase sitzt, wieder zusammenzuführen und doch als gespaltene, als je eigene zu erhalten, sie aufzuheben in der Zusammenführung beider, das ist Gaspar Noés Dialektik und genau das, was er hier – fast schon zu deutlich – tut.

Dieser filmische Exzess, der den Zuschauer bewusst überfordert, ist faszinierend zu beobachten. Der Splitscreen hat nämlich auch die Funktion, extrem viele diverse Perspektiven miteinander zu konfrontieren, immer wieder zwischen ihnen zu wechseln und sie gleichzeitig miteinander zu kombinieren. Das ist ein großer, auch schelmischer Spaß des Regisseurs; es ist aber auch schlicht hervorragendes Kino, das in seiner formalen Strenge und der Betonung der Form voller Anspielungen und Zitate ist und aufzeigt, was im Kino alles möglich ist. „Vortex“ ist darin tatsächlich auch ästhetisch ein sehr diverser Film.

Ein Prozess meist sanfter Degeneration

Durch diese Inszenierung verfolgt man relativ nahe, detailliert und in großer alltäglicher Intimität das Leben dieses alten Paares. Der Mann wird von dem italienischen Horrorregisseur Dario Argento gespielt, den man als Schauspieler so noch nicht erlebt hat; er spielt hier die Rolle eines Exil-Italieners in Paris, eines Autors von Filmbüchern, der wohl auch ein Filmkritiker und Dozent ist. In jedem Fall plant er ein neues Buch, das „Psyche“ heißen und über das Verhältnis von Film und Traum handeln soll.

Seine Frau, gespielt von Françoise Lebrun, war Psychoanalytikerin. Inzwischen ist sie auf eine gewisse Art dement. Sie hat klare und weniger klare Tage; es geht in „Vortex“ auch um den Einfluss von Drogen, nämlich um ihre Medikamente, die sie auch mal verwechselt oder zu viel nimmt. Es wird für sie immer schwerer, den Alltag in seinen schieren nackten Details überhaupt noch zu meistern.

Insofern erlebt man hier einen Prozess der meist sanften Degeneration. Manchmal macht sie unsinnige Dinge; so wirft sie Sachen weg, die ihr Mann für sein Buch braucht. Das könnte aber auch Absicht sein, eine versteckte Bosheit als Teil ihrer Beziehung. Da verkomplizieren sich die Dinge. Es ist ja durchaus eine Kunst von älteren Menschen, sich hinter „kleinen Missgeschicken“ zu verstecken und sich so neue Freiheiten zu erschließen.

Ein Liebesfilm wie ein Horrorfilm

Er ist herzkrank und hat kleine Schwächeanfälle, geht gleichzeitig aber noch aus. Man sieht ihn in einem Lokal mit Freunden, man sieht ihn mit einer früheren oder vielleicht sogar noch aktuellen Geliebten. Es ist aber auch klar, dass beide Ehepartner durch eine große Loyalität miteinander verbunden sind, dass sie zusammenbleiben und die letzte Phase ihres Lebens gemeinsam verbringen und erleben wollen. Man könnte in dem Sinn auch sagen, dass dieser Film sowohl ein Liebesfilm wie auch ein Horrorfilm ist – wie vieles, was Gaspar Noé tut.

Das Werk dieses Regisseurs war immer schon ambivalent und brüchig, es versteckt seine Schwächen nicht und zeigt dadurch auch seine Stärken. Eine Stärke von „Vortex“ ist es, dass er intim und zärtlich ist. Alle Filme von Noé sind von einer Idee des Kinos geprägt, die obsessiv und mit großer Leidenschaft ausgekundschaftet wird. „Vortex“ ist sein emotionalster und in vieler Hinsicht überraschendster Film. Paradoxerweise ist es auch sein provozierendster. Auch deshalb, weil er vollkommen frei ist von den Elementen, die diesen Regisseur sonst ausmachen und die seine Verächter so provozieren. Offensichtlich kann nur ein so unkonventioneller Regisseur wie Gaspar Noé es wagen, sein Publikum mit einem noch radikaleren Akt zu konfrontieren: dem Nichts, für das Noé Bilder sucht.

Eine weitere Hauptfigur ist die Altbauwohnung des Paares. Vollgestopft mit Büchern, mit Erinnerungen, trägt sie die Spuren eines langen Lebens in sich. Es ist ein privates Labyrinth, voller Zeichen der Beziehung. An den Wänden hängen Poster der Filme von Fritz Lang und Jean-Luc Godard. Weitere Plakate und Bücher verweisen auf die politische Vergangenheit der beiden: der Mai ’68 und die 1970er-Jahre.

Auf diese Weise erzählt „Vortex“ eine mehrschichtige Bewegung: in der Zeit des Films, die immer wieder mit der Echtzeit des Verfalls der beiden Protagonisten identisch ist, aber auch retrospektiv durch ihre Lebenszeit. Schließlich ist es auch die Bewegung durch ein Zeichensystem, das man wohl öfters entschlüsseln muss, um den Code zu knacken, der hinter allem steckt, an den Wänden, in den Bücherregalen, im Inneren der Schreibtische. Aber auch, um im Detail zu verstehen, worüber gesprochen wird.

Über den Mut, den Tod zu akzeptieren

„Vortex“ ist ein Film über den Mut. Den Mut nämlich, den Tod zu akzeptieren. Den eigenen, aber auch den des geliebten Menschen, dem man beim Sterben zusieht. Und es ist ein Film übers Sterbenlernen. Über die Wahrheiten, die man nicht gerne hört.

Manche haben ihn als eine alternative Version von Michael Hanekes Liebe interpretiert. Das ist sicher richtig, auch wenn „Vortex“ im Vergleich der interessantere, facettenreichere, auch sensiblere Film ist. Beide Filme gehören auf ihre stille, tastende Art zum missverstandenen Genre des Horrorfilms. Der leise Horror des Abschieds ist der laute Horror des Todes.

Erschienen auf filmdienst.deVortexVon: Rüdiger Suchsland (2.2.2023)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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