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- RegieMarc Wiese
- ProduktionsländerDeutschland
- Dauer93 Minuten
- GenreDokumentarfilm
- Cast
- TMDb Rating7/10 (1) Stimmen
Vorstellungen
Leider gibt es keine Kinos.
Filmkritik
Ein führender Vertreter des ökonomischen Imperialismus ist heutzutage der Wirtschaftsgigant China, der in Afrika oder Südamerika seine Einflussgebiete ausdehnt. Wie das im Einzelnen aussieht, skizziert der Dokumentarfilm von Regisseur Marc Wiese, der in Ecuador den Widerstand gegen die Konzerne aus Fernost hautnah gefilmt hat. Ecuador liegt am Äquator und ist im Vergleich zu den Nachbarländern eher klein, aber reich an Bodenschätzen und berückenden Landschaften. Die Nachfahren der Ureinwohner respektieren und verehren diese Natur, die tief in ihrem Glauben und ihren Traditionen verwurzelt ist. Vor allem haben sie ein Interesse daran, dass die Natur im Namen ihrer eigenen Zukunft und der ihrer Kinder unversehrt bleibt. Denn das Schürfen nach Bodenschätzen bedroht ihren Lebensraum und ihre Gesundheit.
Alles fing mit der Wahl des Präsidenten Rafael Correa im Jahre 2007 an. Da westliche Länder das Land nicht unterstützen wollten, akzeptierte er dankend wirtschaftliche Angebote aus China, die gravierende Folgen für Ecuador nach sich zogen. Durch Konzessionen und Nutzungsrechte, die an chinesische Unternehmen abgetreten wurden, tappte der Staat nicht nur in eine Schuldenfalle. Auch die Bevölkerung wurde übergangen, vor allem Indigene in Provinzen mit schutzwürdigen Landschaften im Regenwald. Gold, Silber, Uran und andere Bodenschätze sollten gefördert werden – ohne Rücksicht auf Verluste.
„Chinesen haut ab!“
Wer verbal oder physisch dagegen ankämpft, lebt gefährlich. So sieht man gleich zu Beginn des Films indigene Aktivisten durch die Berge fahren, um vor einer Mine zu demonstrieren. Sie warnen einander per Handy, sobald sie Polizeiautos entdecken. Die Aktivisten protestieren mit Plakaten, auf denen Slogans wie „Die Mine vernichtet Wasser und Souveränität – Chinesen haut ab!“ stehen. Dann kommt es zu Auseinandersetzungen. Die Kamera ist mittendrin und wackelt, wenn Rauch- und Tränengasbomben abgeschossen werden; ein Aktivist wird vorübergehend verhaftet. Es ist Paul Jarrin, der den Widerstand der Indigenen gegen die Ausbeutung ihres Landes anführt. Am Anfang sieht man den jungen Mann, dessen Rücken ein Raubvogel-Tattoo ziert, in den Bergen eine spirituelle Zeremonie abhalten, in der er um Kraft für seinen Kampf betet.
In der Hauptstadt Quito formiert sich dagegen der journalistische Widerstand in Gestalt des Reporters Fernando Villavicencio. Er hat die Knebelverträge der Regierung mit China aufgedeckt. Laut der Recherchen von Villavicencio hat die ecuadorianische Regierung Tausende solcher Verträge unterzeichnet und damit landesweit die Kontrolle über wichtige Projekte im Bergbau, in der Ölförderung und bei der Infrastruktur abgegeben. Villavicencio spricht von Kolonisierung und hat für sein Engagement teuer bezahlen müssen. Eines Nachts wurde seine Wohnung von Beamten durchsucht und seine Familie terrorisiert. Anschließend musste er untertauchen. In einem Dorf der Sarayaku, einem indigenen Volk im Osten des Regenwalds, fand er Unterschlupf.
Kontraste ohne Grautöne
Der Film „Mein gestohlenes Land“ pendelt zwischen den beiden Hauptfiguren hin und her. Während Paulo Jarrin mit seinen indigenen Aktivisten vor allem während ihrer Aktionen gefilmt wird, erscheint Villavicencio primär als Talking Head. Die Aussagen des investigativen Journalisten werden durch Berge von Akten und umherwirbelnde Dokumente überblendet, einige mit chinesischen Schriftzeichen. Auch Archivaufnahmen von Rafael Correa bei einem Besuch in China und andere offizielle Bildmaterialien ergänzen den Film. Panoramaaufnahmen der eindrucksvollen Berglandschaft, durch die symbolträchtig Raubvögel fliegen, bedienen allerdings auch Klischees. Die indigenen Kämpfer erinnern an historische Vorbilder von mittel- und südamerikanischen Guerilla-Kämpfern und sind wie Paul Jarrin bereit, für ihren Kampf zu sterben. Für westliche Zuschauer wirkt diese Radikalität zunächst befremdlich, gibt aber auch einen Einblick in die Dringlichkeit der Situation.
Der Film setzt primär auf Kontraste und verzichtet auf Grautöne. Er besitzt keine Distanz gegenüber seinen Protagonisten und macht sich mit ihnen gemein. Dadurch lässt er auch die möglicherweise naive Hoffnung auf friedlichere Ansätze zur Konfliktlösung offen. In Zeiten, in denen Journalisten bei der Ausübung ihres Berufs immer wieder zu Tode kommen, tut Wiese allerdings auch gut daran, hartnäckigen und engagierten Reportern wie Villavicencio die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.
Dem Ex-Präsidenten wird der Prozess gemacht
Am Ende von „Mein gestohlenes Land“, dessen Zeitebenen man nicht immer genau einordnen kann, gibt es einen kleinen Lichtblick. Dem mittlerweile abgewählten Präsidenten Rafael Correa wird der Prozess gemacht. Die Anklage stützt sich dabei auf die Recherchen von Villavicencio.
Dennoch fehlt für Menschen, die zum ersten Mal mit diesem Thema in Berührung kommen, eine weitere Perspektive, womöglich in Form eines neutralen Beobachters, der die Ereignisse einordnen würde, ohne so radikal Partei zu ergreifen, wie der Filmemacher Marc Wiese es tut. Die Auswüchse des globalen wirtschaftlichen Imperialismus, der an vielen Orten der Welt großen Schaden anrichtet, führt der Film dennoch plastisch vor Augen.