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Herr Wichmann aus der dritten Reihe

92 min | Dokumentarfilm | FSK 0
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Henryk Wichmann ist 33, Mitglied der CDU und seit 2009 Abgeordneter im Brandenburger Landtag. Seine Partei ist dort in der Opposition. Andreas Dresen hat ihn ein Parlamentsjahr lang bei seiner Arbeit begleitet: Erste Reden vor dem Plenum des Landtags, kleine und große Anfragen, Ausschuss-Sitzungen, das Engagement im Wahlkreis Uckermark/Oberhavel. Dort besucht Wichmann Schulen und Seniorenmessen, die Bundeswehr und Betriebe, er hat es mit Arbeitskräftemangel, der Misere der Deutschen Bahn und illegalen Mülldeponien zu tun, aber auch mit dem Schreiadler und der Bartmeise. Eigentlich ist er dort am liebsten, wo es am meisten weh tut – an der Basis.

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Filmkritik

Sie sind waschechte Wutbürgerinnen, und sie wettern an einer Kaffeetafel in Himmelpfort. Henryk Wichmann, CDU-Abgeordneter im Brandenburger Landtag, sitzt mit einer Gruppe Landfrauen zusammen. Es hapere an allen Ecken und Enden, klagen die Damen, und: „Die Politiker sollten sich mal anhören, was wir denken“. Das ist kurios, weil Wichmann ja Politiker ist und gerade nichts anderes tut als zuzuhören. Seinen typischen Gesichtsausdruck, diese halb verborgene Mischung aus ungläubigem Staunen und Belustigung über die Politik- und Selbstverdrossenheit seiner Mitbürger, kennt man schon. Es ist fast 10 Jahre her, da ging Andreas Dresen schon einmal der Frage nach, womit sich „Herr Wichmann von der CDU“ (fd 35 890) an seinen Arbeitstagen herumschlägt. Damals begleitete der Filmemacher den 24-Jährigen bei dem schwierigen Unterfangen, ein öffentliches Mandat zu bekommen, beobachtete ihn beim Plakatekleben, bei Gesprächen mit den Wählern, beim Bemühen, sich nützlich zu machen. Die neue Dokumentation „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ wirkt weniger tragikomisch – immerhin hat der Politiker einen gewissen Karriereschub hinter sich, den er sicher auch Dresens erstem Wichmann-Film zu verdanken hat –, aber noch immer versteht es Dresen meisterhaft, die realsatirischen Momente im Arbeitsumfeld des sympathischen Oppositionsabgeordneten herauszuarbeiten, ohne ihn dem Spott der Zuschauer auszusetzen. Im Grunde ist es bei Wichmann nicht anders als bei einer fiktiven Figur: Dresen hat sich einen Protagonisten ausgesucht, der das Zeug zur positiven Hauptfigur hat. Der mit großer erzählerischer Souveränität gebaute Film beweist wie das bisherige Gesamtwerk Dresens, dass die Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm fließend ist. „Halt auf freier Strecke“ (fd 40 750) zeigte, dass gerade Themen um Krankheit und Tod wohl nur mit viel trockenem Realismus und steter Bereitschaft zur Improvisation zu bewältigen sind. Auf der anderen Seite erkennt man hier, dass dramaturgische Bögen, Weglassungen oder Zuspitzungen durch Montage probate Mittel sind, um dokumentierte Situationen interessanter, spannender oder humorvoller zu gestalten. Dresen gelingt vor allem Letzteres, wobei weniger die einzelnen Personen als vielmehr vor allem die gezeigten Konflikte und Situationen komisch sind: Die Teilnehmer einer Militärparade werden von einem Regenguss überrascht und paradieren dennoch weiter, ein Radweg-Projekt droht am empfindlichen Gemüt eines Schreiadlers zu scheitern. Oder ist der Schreiadler nur ein Argumentationsknüppel? Dresen porträtiert Menschen, denen es vor allem um die Wahrung ihrer Pfründe und Partikularinteressen geht, die sich keinen Zoll auf ihre Kontrahenten zu bewegen, normale Bürger, die den vernunftgeprägten Umgang miteinander verlernt haben. Vertrauen zu den Lokalpolitikern bringt schon längst keiner mehr auf. Immerhin erbarmt sich eine ältere Dame: „Ich gebe Ihnen einen guten Rat, treten Sie etwas kürzer“, sagt eine Bürgerin einmal zu Wichmann, „Sie sind so was von nervös!“ Das mag daran liegen, dass selbst der Abgeordnete öfter mal an seine Grenzen als Vermittler kommt. Gezeigt werden aber auch die kleinen Erfolge des gelernten Juristen. So durften im Dorf Vogelsang die Züge zwar halten, aus Sicherheitsgründen aber die Türen nicht öffnen. Wichmann lädt zum Pressetermin vor Ort, macht die Journalisten mit dieser Schildbürgerei des Verkehrsverbunds bekannt – und siehe da: noch am selben Tag ist das Türöffnen wieder möglich. Dresen zeigt aber auch, dass der Lokalpolitiker im Parlament nur eines von den kleineren Rädchen ist; er belauscht ihn im Gespräch mit Ministerpräsidenten Platzek und, dank Ansteckmikrofon, in der sprichwörtlichen dritten Reihe des Plenarsaals. Die kurz eingeblendeten Zwiegespräche mit einem Parteifreund während laufender Debatte zählen zu den schönsten Momenten in diesem Film, der die menschliche Dimension von Politik in den Vordergrund stellt. Hätte Dresen sich dafür interessiert, wie Macht funktioniert, wie um Posten und Positionen gepokert wird, wäre er mit seinem Team ins Berliner Regierungsviertel eingezogen. Das kann er ja immer noch machen. Es wäre ja vorstellbar, dass Henryk Wichmann sich in den kommenden Jahren weiter nach oben arbeitet. Da der Politiker in Sachen Transparenz für und Kooperation mit den Medien seine Zunft weit hinter sich lässt, hofft man nicht nur auf einen dritten Teil, sondern wünscht sich schon um des Kinos willen, dass Henryk Wichmann dereinst als Bundeskanzler kandidiert!

Erschienen auf filmdienst.deHerr Wichmann aus der dritten ReiheVon: Jens Hinrichsen (10.2.2025)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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